Motus

2021

Atmosphärische Leuchte mit induktiver Stromübertragung – Prüfungsprojekt (Gestalter im Handwerk)

Über das Rollen der Glaskugel wird die Leuchte auf besondere Art eingeschaltet. Die Interaktion ist bewusst, es ist keine beliebige Aktion, es passiert nicht einfach. Es wird gemacht, vorsichtig. Die Hand bewegt sich dabei, man spürt sich dabei, spürt die Leuchte. Die Wellenoberfläche der Basis kommuniziert dabei und erklärt die Bewegung.

Technisch passiert auch viel. In der Basis befindet sich das Transmittermodul. In der Glaskugel das Receivermodul. Werden beide zusammen gebracht, koppeln beide Module sich automatisch und die drahtlose Stromübertragung wird gestartet. Dabei wird über eine Sendespule ein schwaches Magnetfeld erzeugt, welches von der Empfängerspule empfangen wird. Das Magnetfeld erzeugt einen Elektronenbewegung in der Empfängerspule, ein Spannung wird induziert.

Lackiertes MDF, Glas, Filz, Module zur kabellosen Stromübertragung mit Induktionsspulen, LED-Leuchtmittel

Vom Konzept in den Prozess

Die Bedienung in der Benutzung eines Gegenstandes oder wie wir in einer Umgebung interagieren, nimmt eine eigene Ebene im Design ein. Dabei scheinbar unsichtbar und fast nur das Unterbewusste berührend, beeinflusst sie alles. Die Beschäftigung mit dem Unsichtbaren, mit der Interaktion zwischen Mensch und Objekt, mit dem ‚wie’ wir etwas verwenden führt gestalterisch dahin, eine Interaktion zwischen dem Benutzer und dem Objekt zu erschaffen, zu gestalten, wie der Benutzer auf das Objekt zutreten, es bedienen könnte, welche Emotionen dabei aufkommen.

Das selbstverständliche Bedienen von Gegenständen, das Betätigen von einem einfachen Lichtschaltern, lässt die Gegenstände selbst selbstverständlich werden und letztlich zurücktreten. In dem Moment, in dem ein Gegenstand eine Handlung benötigt, um zu funktionieren, die über das Umlegen eines Schalters hinaus geht, entsteht eine Art Ritual, das man als überholt, anachronistisch und dadurch als romantisch bezeichnen kann. Es entsteht eine Differenz zwischen dem Neuen, Unerwarteten in einem Gegenstand, der uns eigentlich verständlich ist und das Objekt selbst tritt hervor. Gerade dieser Reibungspunkt, dieses bewusst werden der Handlung ist die Essenz in meinem Gedankenspiel.

Über die Inbetriebnahme von Öllampen:

»Das Einschalten einer Öllampe lässt sich hier als Beispiel begreifen, um zu verstehen wie wir Dinge bedienen. Um die Leuchte in Betrieb zu nehmen muss sichergestellt werden, dass sich genug Öl im Tank befindet, vielleicht schwenken wir die Leuchte, oder schauen angestrengt in den dunklen Tank? Das Nachfüllen erfolgt über einen Schraubverschluss, der alleine schon etwas technisches antiquarisches versprüht. Zusätzlich kommt man in den sinnlichen Kontakt mit dem Lampenöl, was über den speziellen Geruch seine Anwesenheit betont, vorsichtig füllen wir es ein. Weiter wird über eine Mechanik das Lampenglas angehoben und der Docht über ein feines Drehrad hochgedreht. Ein Streichholz wird entzündet, wodurch das Feuer mit seiner emotionalen Bedeutung für den Menschen dazu kommt. Beschützt von der hohlen Hand wird das brennende Streichholz an den Docht geführt, die Flamme greift über und der Docht entzündet sich und beginnt, die nähere Umgebung zu erleuchten. Das Streichholz wird gelöscht, mit einem Schwung aus dem Handgelenk, der für sich schon ein Ritual darstellt. Das Glas wird  abgesenkt und der Docht noch an unser Lichtbedürfnis angepasst. Die Ölleuchte ist eingeschaltet.«